Philosophische Praxis Axel Braig

Einleitungsreferat: "Spiegelneuronen und Co – ermöglicht die Hirnforschung neue philosophische Einsichten?"

Hirnforscher und Philosophen sind sich häufig gegenseitig nicht besonders wohlgesonnen. Aus dem Mund von Christof Koch, einem bekannten Neurowissenschaftler hört sich das folgendermaßen an: „Den Geisteswissenschaften ist es trotz oftmals heroischer Bemühungen über viele Jahrhunderte nicht gelungen, allgemein anerkannte Erkenntnisse zu entwickeln, wie die Kluft zwischen Körper und Geist, die als Leib-Seele-Problem bekannt ist, überwunden werden kann. Das Instrumentarium der Philosophie … ist der enormen Komplexität und Unzugänglichkeit des menschlichen Geistes einfach nicht gewachsen. Bei der naturwissenschaftlichen Methode ist das anders…. Das Ziel, empirisch, quantitativ und überprüfbar verstehen zu können, wie der bewusste, subjektive Geist aus dem physischen Hirn hervorgeht, scheint damit in greifbare Nähe gerückt.“ (Zitat Christof Koch S. 229) Mit anderen Worten: manche Hirnforscher neigen zu der Ansicht, dass sie Philosophie gänzlich überflüssig machen, indem sie die Probleme lösen, mit denen sich die Philosophen über zweieinhalb tausend Jahre erfolglos rumgeschlagen hätten. Aber auch Philosophen sind nicht faul. Sie werfen den Hirnforschern im Gegenzug vor, sie hätten die Probleme, die sie zu lösen vorgeben, überhaupt noch nicht verstanden.

Ich habe nicht vor, mich in diesem bizarren Streit auf eine Seite zu schlagen, sondern möchte vielmehr der Frage nachgehen, was Philosophie von der Hirnforschung lernen kann.

Die Diskussion würde ich dabei gerne an den Projekten von drei Hirnorschern festmachen, die ich Ihnen zunächst in groben Zügen vorstellen möchte.

  1. Der amerikanische Neurowissenschaftler Benjamin Libet führte 1979 ein Experiment durch, das unter seinem Namen bekannt wurde und seither im Zusammenhang mit der Frage der Willensfreiheit regelmäßig diskutiert wird. Libets Probanden hatten in diesem Experiment die Anweisung zu einem von ihnen selbst gewählten Zeitpunkt, sozusagen „spontan“ einen Knopf zu drücken und sich dabei anhand einer Stoppuhr genau den Zeitpunkt zu merken, wann sie den Entschluss hierzu gefasst hatten. Mittels eines gleichzeitig abgeleiteten EEGs konnte Libet nun feststellen, dass dem von den Probanden genannten Zeitpunkt des Entschlusses regelmäßig eine messbare Aktivität in der motorischen Hirnrinde vorausging. Diese Tatsache wurde so interpretiert, dass der subjektiv freie Entschluss zur Betätigung des Knopfes nicht wirklich frei, sondern schon vorher und für den Probanden unbewusst, durch eine Hirnaktivität determiniert gewesen sei. Die Vorstellung eines freien menschlichen Willens sei somit als Illusion entlarvt.
  1. Der portugiesisch-amerikanische Mediziner und Neurowissenschaftler Antonio Damasio wurde 1994 durch seinen Bestseller „Descartes Irrtum“ weltweit bekannt. Seine Thesen demonstriert er in diesem Buch an einem mittlerweile berühmt gewordenen Patienten, den Damasio allerdings selbst nie gesehen hat:

Den Phineas Gage ein damals 25-jähriger Vorarbeiter bei einer Eisenbahngesellschaft, wird schon 1848 Opfer eines schweren Unfalls. Bei einer Sprengung im Rahmen der Verlegung von Schienen durch den US-Bundesstaat Vermont, bohrt sich eine 6 kg schwere, 1,98 m lange und 3 cm dicke Eisenstange mit einer Spitze von 6 mm von unterhalb des linken Wangenknochens bis zu den vorderen Schädelknochen durch Gages Schädel und fliegt danach noch 30 m weiter. Es entsteht eine ca. 4-5 cm große, kraterförmige Wunde.

Trotz des offensichtlich schweren Unfalls ist Gage während der gesamten Zeit bei Bewusstsein. Er ist in der Lage, über den gesamten Hergang des Unfalls zu berichten und überlebt ihn. Seine Verletzung heilt innerhalb von zwei Monaten, nur der Verlust des linken Auges ist körperlich irreversibel. Die Ärzte stellen keine Beeinträchtigung von Wahrnehmung, Gedächtnisleistung, Intelligenz, Sprachfähigkeit oder Motorik fest.

Trotzdem kommt es in der Zeit nach dem Unfall zu auffälligen Persönlichkeitsveränderungen Gages': War er zuvor verantwortungsbewusst, besonnen, ausgeglichen und freundlich, erscheint er seiner Umgebung nun zunehmend ungeduldig, launisch, wankelmütig und respektlos. Darüber hinaus kommt es zu einer Störung seiner Entscheidungsfähigkeit: Er trifft Entscheidungen, die seinen Interessen offensichtlich zuwiderlaufen, er kann seine Zukunft nicht mehr vernünftig planen und erleidet als Folge einen beruflichen und sozialen Abstieg. Gage erschien metaphorisch gesprochen von allen guten Geistern verlassen.

1. Die Hirnforschung liefert tatsächlich gewichtige Indizien dafür, dass die von Descartes postulierte Vorstellung des Dualismus falsch ist. Die Ergebnisse weisen darauf hin, dass geistige Prozesse nicht einfach unkörperlich sind, sondern dass dabei jeweils physikalisch messbare Ereignisse im Spiel sind. Allerdings ist diese Vorstellung nicht neu sondern wurde auch schon vor über 2000 Jahren vehement vertreten. Schon Epikur vertrat eine materialistische Position und warf seinen Gegnern vor: „Jene die sagen, die Seele sei unkörperlich reden also verrücktes Zeug.“ Umgekehrt kann ein hartnäckiger Dualist logisch auch heute noch behaupten, dass im Frontalhirn von Phineas Gage eben der Anknüpfungspunkt verletzt wurde, an dem sich die immaterielle Seele mit dem Körper verbindet. Aber diese extreme Position wird heute kaum mehr vertreten. Und man kann deshalb behaupten, dass die Vorstellung, dass seelische und geistige Vorgänge grundsätzlich auch als physikalische Vorgänge betrachtet werden können, weitgehend akzeptiert ist. “Descartes Irrtum“, den Damasio in seinem Buchtitel herausgestellt hat, wird von modernen Philosophen in aller Regel nicht mehr geteilt.

2.Eine andere Einsicht, die sowohl Damasio als auch Rizolattis Spiegelneuronen nahe legen, ist in der philosophischen Diskussion nach meiner Einschätzung bisher noch weit weniger angekommen: Unser Denken und Handeln ist in viel größerem Umfang als das zahlreiche Philosophen bisher wahrhaben wollten in Emotionen verankert und untrennbar damit verbunden. Man muss kein Determinist sein, um die Fiktion des autonomen vernünftig denkenden und handelnden Menschen als ein irreales Wunschdenken anzusehen. Philosophiegeschichtlich wird damit die Position David Humes gestärkt, dass Moral im hohen Maße in der Sympathie (wir würden heute Empathie sagen) wurzelt, und nicht wie Kant dies vorschlug in der Vernunft verankert werden sollte. Die moderne Philosophie allerdings befindet sich erst in den Anfängen, wenn es gilt Emotionen denkerisch ernst zu nehmen und sie nicht als einen Störfaktor anzusehen, der aus dem Denken möglichst zu eliminieren ist.

Handlungstheorie?

3.Die Aussagekraft von allen drei Forschungsansätzen wird aber ausgerechnet durch die Hirnforschung selbst auch wieder eingeschränkt. Denn in ihrer Geschichte ist die Erkenntnis über die unüberschaubare Komplexität des Gehirns wesentlich schneller gewachsen, als das konkrete Wissen über seine Funktionen. So wissen wir mittlerweile, dass das menschliche Gehirn aus etwa 100 Milliarden Neuronen besteht, von denen jedes mit anderen Neuronen bis zu 100000 Mal durch Synapsen vernetzt ist. Für ein wirkliches Verständnis der Gehirnfunktion müssten wir vor allem die Wechselwirkungen zwischen den Neuronen analysieren. Die von Libet, Namasio, Rizzolatti und vielen anderen Hirnforschern angewandten Untersuchungsverfahren wie PET oder EEG können uns aber jeweils nur sehr grobe Hinweise auf die Orte maximaler elektrischer, oder stoffwechselmäßiger Aktivität geben und damit nachweisen, dass bei bestimmten Funktionen in einem definierten Hirnareal eine Aktivität zu messen ist. Das heißt, die von ihnen erhoben Befunde sagen uns zunächst lediglich, dass in bestimmten Hirnarealen eine Aktivität nachweisbar ist, das heißt das dort „irgend etwas passiert“. Die allermeisten der vielfältigen Wechselwirkungen zwischen den Neuronen entziehen sich jedoch auf absehbare Zeit einer Darstellung. Die bisherigen Untersuchungen beschreiben jeweils eine notwendige Bedingung einer bestimmten Hirnleistung, können diese aber in keinem Fall hinreichend erklären. So kann Libet zwar nachweisen, dass es vor dem bewussten Entschluss den Knopf zu drücken, eine messbare Hirnströmung gibt. Jedoch sind wir weit davon entfernt die komplexe Situation eines Gewissenskonfliktes mit Argumenten und Gegenargumenten durch bildgebende Verfahren des Gehirnes darstellen zu können. In vieler Hinsicht befindet sich daher die Hirnforschung in einer Lage, als müsse sie ein Spinnennetz mit einer Kettensäge sezieren. Libet selbst übt sich daher auch im Gegensatz zu zahlreichen seiner Interpreten in Bescheidenheit, wenn er schreibt „dass die Existenz eines freien Willens zumindest eine genauso gute, wenn nicht bessere wissenschaftliche Option ist als ihre Leugnung durch die deterministische Theorie.“ Und auch Rizzolati zitiert schon auf der ersten Seite seines Buches zustimmend den englischen Theaterregisseur Peter Brook, die Neurowissenschaft hätte mit der Entdeckung der Spiegelneuronen „zu verstehen begonnen, was das Theater seit jeher gewusst habe.“

Aber nicht nur die unglaubliche Komplexität der Vorgänge im Gehirn hindern uns an einem umfassenden Verständnis der mentalen Vorgänge als Funktionen des Gehirnes. Ich möchte zum Schluss meines Referates noch zwei grundsätzliche Problemkreise ansprechen, die sich einer naturwissenschaftlichen Erklärung auf absehbare Zeit vermutlich entziehen und die deshalb die Leib-Seele Probleme (ich verwende bewusst den Plural) zumindest zur Zeit noch als unlösbar erscheinen lassen.

1.Der erste Problemkreis lässt sich mit dem Wort Subjektivität umschreiben: naturwissenschaftliche Erklärungen sind objektivierend und wir dürfen uns nicht wundern, wenn dadurch die subjektive Sicht eliminiert wird. Der amerikanische Philosoph Thomas Nagel hat dieses Problem in seinem Aufsatz „wie ist es, eine Fledermaus zu sein?“ wunderbar analysiert. Seine Antwort ist im Prinzip sehr einfach: Wir wissen es nicht, es sei denn, es gelingt uns selbst eine Fledermaus zu werden. Die Naturwissenschaft mag die Stoffwechselvorgänge der Fledermäuse, samt ihrer Echolotortung im Raum noch so vollständig aufklären. Wir werden trotzdem genauso wenig erfahren, wie es sich anfühlt, eine Fledermaus zu sein, wie ich erfahren werde wie es sich anfühlt, einer der Personen hier im Raum zu sein, ausser eben meiner eigenen Person.

2.Für den zweiten Problemkreis bieten sich mehrere Stichworte wie Teleologie, Intentionalität, Gerichtetheit und die Unterscheidung zwischen Gründen und Ursachen an. Ich möchte das Problem zunächst an der Unterscheidung von Ursachen und Gründen erklären und führe deshalb ein Beispiel ein: Wenn wir fragen, warum Eisbären ein weißes Fell und Jäger im Wald einen grünen Tarnanzug haben, dann mag ein naiver Betrachter zunächst in beiden Fällen antworten „damit sie in ihrer Umgebung weniger leicht entdeckt werden.“ Die beiden Fälle liegen jedoch in Wirklichkeit sehr unterschiedlich. Ein Biologe wird uns erklären, dass durch Spontanmutationen irgendwann in der Evolution Bären mit weißem Fell geboren wurden und diese dann im ewigen Schnee bessere Überlebensbedingungen hatten. Er weiß uns also Ursachen dafür zu nennen, dass es Bären mit weißem Fell gibt. Der Bär selbst könnte uns auch wenn er sprechen könnte keine Gründe geben, warum er ein weißes Fell hat. Ganz anders der Jäger: er wird uns sein grünes Kleid mit dem Wissen begründen können, dass er damit im Wald weniger leicht gesehen werden kann und er verbindet mit der Entscheidung sich so anzuziehen eben dieses Ziel. Teleologische Erklärungen beinhalten Zwecke, Absichten und Motive. Naturwissenschaftliche Erklärungen tilgen aber gemeinsam mit der Subjektivität auch die teleologische Sichtweise.

Naturwissenschaften suchen Ursachen in Naturgesetzen und wenn wir wissen wollen, warum ein Stein die schiefe Ebene herunterrollt, werden wir uns nicht mit der Antwort zufrieden geben, dass der Stein sich nach reiflicher Überlegung aller denkbaren Gründe entschlossen habe zu rollen. Wir leben aber im Gegensatz dazu sozusagen in einem Reich von Gründen.

Und wenn Sie daher am Ende dieser Veranstaltung gefragt werden, ob Sie noch etwas bestellen wollen, dann werden Sie auf diese Frage wahrscheinlich nicht antworten: „Augenblick, ich bin Determinist, warten Sie kurz ab wie sich mein Gehirn auf Grund seiner Determination verhält.“ Sie werden Gründe für die eine oder andere Alternative haben, etwa, das Sie noch Durst haben oder nicht, dass Sie schnell nach Hause wollen, weil Sie morgen früh aufstehen müssen, oder Sie bleiben gerne noch einen Augenblick, weil Sie mit Ihren Tischnachbarn etwas diskutieren möchten. Sie haben noch Lust auf ein Glas Wein oder Sie wollen nichts mehr trinken, weil Sie noch Auto fahren müssen, usw.. Sicher, ein Determinist wird behaupten, inwieweit Sie einen dieser Gründe erwägen und welche Entscheidung Sie im Endeffekt treffen werden, das sei schon spätestens seit Adam und Eva determiniert. Aber er muss sich ausgerechnet von Benjamin Libet sagen lassen;

„Die Annahme, dass die determistische Natur der physikalisch beobachtbaren Welt (in dem Maß in dem sie zutrifft) subjektive bewusste Funktionen und Ereignisse erklären kann, ist ein spekulativer Glaube und keine wissenschaftlich bewiesene Aussage.“ (Libet 1999, S, 285) Zudem wäre dieser Glaube in der gerade geschilderten Situation reichlich unpraktisch. Die Ansicht, dass wir nach Abwägung von Gründen die Freiheit haben, so oder so zu handeln erfolgt nicht aus einer unerreichbaren Sicherheit über die Tatsache, dass wir determiniert sind oder nicht. Wir machen vielmehr einfach die Erfahrung, dass wir besser leben können, wenn wir den Begriff von Freiheit nicht einfach auf den metaphysischen Müllhaufen werfen. Ganz abgesehen von der naturwissenschaftlichen Diskussion macht es Sinn, dass wir den Begriff der Freiheit so konzipieren, dass wir in einer Konfliktsituation Gründe des für und wieder erwägen und dann zu einer Entscheidung kommen können, die für unser Handeln leitend wird.

In diesem Sinne möchte ich Sie auch nun zur Diskussion auffordern. Sie werden Gründe haben, dass Sie manches anders sehen als ich das dargestellt habe. Als unverbesserlicher Optimist glaube ich daran, dass ihre Sichtweisen auch meine Weltsicht verändern und erweitern kann. Darauf freue ich mich.

-Hermeneutischer Ansatz


Teleologie, Intentionalität, Gerichtetheit, Unterscheidung Eisbär-Jäger, Klavierüben- ohne - Überlebensvorteil Ursachen und Gründe. Schillers Bürgschaft



-Naturwissenschaft mit ihrer Forderung nach Objektivität und allgemeiner Reproduzierbarkeit eliminiert das Subjektive systematisch und darf sich deshalb nicht wundern, wenn es anschließend nicht mehr wiederfinden kann.

Die moderne Naturwissenschaft sucht systematisch nach Ursachen und, eliminiert mit dem Subjektiven unsere Gerichtetheit, das heißt die Tatsache dass wir auf die Welt auch mit unseren Zielen, Bestrebungen, Wünschen und Hoffnungen einwirken.

-vier Merkmale nach Searle des Geistes, die das Körper-Geist-Problem so schwierig machen: Bewusstwein, Intentionalität, Subjektivität und geistige Verursachung.

-Er wertete dies als Folge der Aktivität von Spiegelneuronen. Allerdings muss betont werden, dass bislang wissenschaftliche Belege für eine Beteiligung der Spiegelneuronen an Prozessen wie Empathiebildung fehlen und für sprachliche Funktionsleistungen noch nicht in ausreichendem Maße vorliegen.

Beachtet werden muss in diesem Zusammenhang der Umstand, dass das pure Vorhandensein eines neuronalen Korrelats keine Erklärung psychischer Gegebenheiten darstellt.

Was uns die Hirnforschung nicht lehren kann.

-Die Geschichte der neuzeitlichen Naturwissenschaften ist eine Geschichte der Elimination teleologischer Erklärungen aus dem Antwortenkatalog wissenschaftlicher Erklärungen.

-Exanthropomorphisierung

-Subjektivität

-Wie ist es, eine Fledermaus zu sein

-Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide

-auch wenn man einen anatomischen Ort gefunden haben, der bei Emotionen eine Rolle spielt, haben wir noch lange nicht verstanden, was eine Emotion ist.

30.04.2009