Philosophische Praxis Axel Braig

Einführungsreferat des Cafe Philo: "Die neuen Kleider der Philosophie"

Am Anfang meines kurzen Einführungsreferates möchte ich Sie zunächst mit zwei Thesen konfrontieren.

  1. Die moderne Philosophie lässt die Hoffnung weitgehend unbefriedigt, dass wir in allgemeingültigen Weisheiten und ewigen Wahrheiten sichere Orientierungshilfen für unser Leben finden könnten. Das heißt, die Philosophie ist, wenn ich mit der Metapher der „neuen Kleider“ spreche, nackt und bloß, was unmittelbar umsetzbare Lebenshilfen betrifft. Zwar sah sich selbst Kant, der strenge Kritiker der reinen Vernunft am Ende seiner Kritik der praktischen Vernunft noch geborgen in dem Bewusstsein den „bestirnten Himmel über mir und das moralische Gesetz in mir“ zu haben. Aber in der Nachfolge von Hegel und Nietzsche bis hin zu den erst jüngst verstorbenen amerikanischen Philosophen Davidson, Quine und Rorty hat sich immer mehr eine Betrachtungsweise durchgesetzt, die sich nicht mehr mit derartigen Vorstellungen beruhigen kann. Sie nimmt im Gegensatz dazu unser Denken als im hohen Maße historisch bedingt und als perspektivisch gefärbt wahr. Während Kant in seiner Begeisterung für die Newtonsche Physik daran arbeitete, dieses Modell auf die Philosophie zu übertragen, neigen wir eher dazu, darin ein Artefakt, ein Modell zu sehen, dass auch in Zukunft immer neuen Veränderungen unterworfen sein wird. Und erst recht erscheinen uns die Moral und ethische Grundsätze nicht als unveränderbar, sondern viel mehr als ein sich stetig wandelndes, historisch an verschiedenen Orten jeweils unterschiedlich gewachsenes feines Gewebe, das vor allem auch nicht durch rationale Überlegungen herzuleiten ist.
  1. Der Verzicht auf das Streben nach ewigen Weisheiten und Wahrheiten macht philosophische Reflexion keineswegs überflüssig. Im Gegenteil. Wir stehen im Laufe unseres Lebens immer wieder an Weggabelungen, an denen wir uns unweigerlich entscheiden müssen, in welche Richtung wir weitergehen wollen. Anders ausgedrückt, wir stehen in einem ganz unmoralischen Sinn ständig in der Verantwortung, d.h. wir sind mit Fragen konfrontiert, die uns, ob wir wollen oder nicht, zu Antworten nötigen. Zu Antworten nötigen, auch dann, wenn wir nicht mehr die Möglichkeit sehen, auf dogmatische Gewissheiten zurückzugreifen.

Ich möchte nun an dieser Stelle zunächst darauf verzichten, diese beiden gerade vorgetragenen und ihnen vielleicht etwas abstrakt anmutenden Thesen weiter zu begründen. Vielmehr möchte ich versuchen, das Gesagte an Hand einer Frage zu konkretisieren, die sicher fast allen Menschen die Kinder haben, irgend wann einmal begegnet ist. Dabei werde ich quasi im Vorübergehen noch einige Argumente nennen, die Ihnen meine beiden Thesen zwar nicht beweisen, aber hoffentlich als plausibel erscheinen lassen.

Nun zu meiner Beispielfrage: Vor nicht allzu langer Zeit saß ich mit meiner jüngsten Tochter, die gerade dabei war, sich auf ihr Abitur, vorzubereiten am Küchentisch, als wieder einmal die Klage aus ihr herausbrach: „was soll ich denn bloß mal werden?“

Sie werden schon ahnen, dass mir auf diese Frage keine einfache Antwort einfiel, aber immerhin muss sie mir heute Abend als Exempel dafür herhalten, um meine Vorstellung zu illustrieren, dass philosophische Reflexion auch ohne Weisheiten und Dogmen nützlich sein kann.

Dabei möchte ich zunächst möchte damit beginnen, ein paar Antwortmöglichkeiten auf die Frage meiner Tochter anzudeuten, die uns vermutlich alle nicht sonderlich befriedigen werden.

So werden wir uns wohl kaum nach der Zeit zurücksehnen, als die Antwort ganz einfach ganz einfach darin bestanden hätte, dass sie selbstverständlich in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten hat.

Auch der Impuls, dass es unsere Tochter mal besser haben soll wie die Eltern kann uns schwerlich weiter helfen. Denn wir hatten es zweifellos nicht schlecht, und dazu hin fehlt uns offensichtlich ein eindeutiger Maßstab des gut und besser.

Nun die Frage, ob uns vielleicht bestimmte Philosophen ein Rezept frei Haus liefern können. Also ob uns zum Beispiel Aristoteles mit seiner Nikomachischen Ethik weiter helfen kann, die ja immerhin der erste umfassende philosophische Versuch in der Antike darstellt, zu klären, was unter einem guten Leben zu verstehen ist. Aber vermutlich ist seine Antwort, dass das gute und dem Menschen angemessene Leben ein Betrachtendes und der Vernunft entsprechendes Leben sei, eher zu weit weg und zu abstrakt, als dass wir wirklich etwas damit anfangen können.

Auch Martin Luther, der behauptete, dass jede Arbeit für Gott gleichermaßen wohlgefällig wäre, wenn sie nur im rechten Glauben absolviert werde, kann meiner Tochter vermutlich nur wenig weiterhelfen.

Und schließlich hätte ich vermutlich mit Recht einen Tobsuchtsanfall mit einer Antwort provoziert, die der Ansicht mancher Naturwissenschaftler entspricht, in dem ich vorgeschlagen hätte: „Vergiss es, was Du einmal wirst, ist durch Deine Gene und die Umwelt eh determiniert.“

Aber immerhin Wissenschaften können bei der Frage meiner Tochter zumindest insofern weiterhelfen, als eine psychologische Testung gewisse Begabungsschwerpunkte feststellen und ein Arbeitsmarktexperte vielleicht auf einen zu erwartenden Bedarf und Zukunftschancen in bestimmten Berufssparten hinweisen kann. Aber auch das wird vermutlich nicht ausreichen, um meiner Tochter eine befriedigende Entscheidung zu ermöglichen. Vielmehr wird bei der Betrachtung der denkbaren wissenschaftlichen Antworten deutlich, wie fragwürdig die heute oft zu beobachtende Tendenz ist, menschliche vor allem als psychologische Fragen und damit als Fragen einer empirischen Wissenschaft zu deuten. Viel plausibler erscheint mir diesem Zusammenhang Wittgensteins Aussage kurz vor Ende seines Tractatus, dass „wenn alle möglichen wissenschaftlichen Fragen beantwortet sind, unsere Lebensfragen noch gar nicht berührt sind.“

Was aber können wir gewinnen, wenn wir uns nun daran machen, die Ausgangsfrage als philosophische aufzufassen?

Nun zunächst kann dies bedeuten, dass wir auf die Frage meiner Tochter auf ganz sokratische Weise mit einer ganzen Reihe von Gegenfragen antworten. Fragt dieses, „was soll ich einmal werden“ einfach nur nach einem bestimmten Studienfach oder geht es ganz offensichtlich davon aus, dass damit ein ganzer Lebensweg festgelegt wird? Wie offen soll die Verbindung von Studienfach und weiterem beruflichen Weg sein? Inwiefern soll das Studium der Vorbereitung auf einen Brotberuf dienen, oder soll es mir vielmehr dazu verhelfen mich persönlich in eine von mir angestrebte Richtung weiter zu entwickeln? Was erwarte ich vom Beruf? Geld? Sicherheit? Das Gefühl etwas Sinnvolles zu leisten? Anerkennung? Spaß? Welchen Stellenwert soll dieser so genannte „Beruf“ später einmal in meinem Leben haben? Inwieweit tragen ganz andere Lebensbereiche dazu bei, als was für ein Mensch ich mich später einmal betrachten werde?

All diesen Gegenfragen könnte selbstverständlich noch eine ganze Reihe anderer hinzugefügt werden. Aber ich hoffe, an den schon genannten wird deutlich, dass ihre Beantwortung zunächst ganz persönliche Entscheidungen verlangt. Entscheidungen, die keine Wissenschaft leisten kann und die nicht abhängig davon sind, ob wir uns noch in der Lage sehen, an irgendwelche Dogmen zu glauben. Ihre Beantwortung lässt sich auch nicht vor allem logisch erschließen. Vielmehr könnte man den Eindruck haben, dass die Antworten in einem logischen Kontext den Status von Prämissen haben, also von willkürlich festgelegten Voraussetzungen, die nicht den End- sondern eher Ausgangspunkt von logischen Überlegungen bilden. In der Tat, die Entscheidung, ob ich im Beruf meine Berufung suche, oder aber ihn vor allem als Möglichkeit zum unvermeidlichen Gelderwerb ansehe, kann so willkürlich sein wie die individuelle Vorliebe für eine bestimmte Eissorte. Aber trotzdem ist die Identifizierung von Prämissen ein wichtiger Schritt philosophischer Reflexion. Sie versetzt mich in die Lage, diese näher zu betrachten und dabei eventuell festzustellen, dass sie mir doch gar nicht so wichtig sind, wie sie mir bisher erschienen waren.

Besonders aber im nächsten Schritt, indem die verschiedenen Prämissen gegeneinander abzuwägen sind, wird sich ergeben, dass sich manche doch, wenn auch nicht unbedingt im streng logischen Sinne widersprechen, so doch zumindest aneinander reiben. Der spontane Wunsch über viel Geld zu verfügen, kann sich als nur schwer vereinbar mit dem Bedürfnis erweisen, einen Beruf anzustreben, der reichlich Zeit für ein Privatleben lässt. Und wieder stehen Entscheidungen an. Entscheidungen, die verbunden sind mit logischen Verknüpfungen, die letztlich darauf zielen, aus gänzlich verschiedenen Impulsen einen zusammenhängenden Handlungsstrang und eine logische Geschichte zu gewinnen. Das was Philosophen logische Konsistenz nennen, wird sicher ein wichtiges aber nicht das Endziel einer derartigen philosophischen Reflexion sein.

Auch muss kein platonisches oder sonst ein abstraktes Ideal als Zielpunkt angenommen werden. Die in gewisser Hinsicht willkürliche und nicht mehr logische begründbare individuelle Festlegung auf meine eigenen Lebensprämissen, wird auch auf das Endergebnis der Gesamtzielsetzung meines eigenen Lebens durchschlagen und es entsprechend individualisieren.

Philosophische Reflexion, gerade wenn sie sich nicht mehr auf allgemeine Weisheiten und Dogmen beruft, ermöglicht sich von weltanschaulichen, ideologischen oder religiösen Vorgaben zu emanzipieren. Sie kann uns über das spontane „ich will dieses oder jenes“ hinausführen und unsere divergenten Impulse zu einer Lebensmelodie zusammenführen und ihnen damit eine Tragfähigkeit über einen längeren Zeitraum geben. So kann sich mittels Reflexion auch aus der „was soll ich den nur werden“ Frage meiner Tochter eine Haltung ergeben, die ihrem Leben eine Richtung gibt. Im gelingenden Fall wird dies zu einer Lebensgeschichte führen, von der sie vielleicht später einmal sagen kann: „so habe ich es gewollt!“

23.10.2008