Am Anfang meines kurzen Einführungsreferates
möchte ich Sie zunächst mit zwei Thesen konfrontieren.
Ich weiß, manche werden nun dazu neigen, diese erste These mit erhobenem Zeigefinger als relativistisch oder skeptizistisch anzuprangern und mir entgegen halten, dass man die Philosophie mit einer derartigen Haltung vollends bleiben lassen könne. Diesem Vorwurf möchte ich unverdrossen meine zweite These entgegensetzen.
Gerade aber wenn ein objektivierbarer
und ein für alle Male allgemeinverbindlicher Kompass fehlt, kann uns
philosophische Reflexion dazu dienen, den eigenen Lebensweg zu finden,
so dass wir für unser Leben eine zusammenhängende und von uns selbst
als sinnvoll erlebte Geschichte schaffen können. Bei dieser Reflexion
können die Entwürfe verschiedener philosophischer Denker nicht mehr
als Dogma, aber immerhin als Angebot dienen, das Leben auf ganz unterschiedliche
Weisen zu betrachten und zu denken, und es dadurch womöglich in einem
ganz neuen Licht erscheinen zu lassen. Schon die Fähigkeit, uns belastende
Phänomene auf unterschiedliche Weise zu sehen kann ihnen, wie schon
Epiktet bemerkt hat, ihren Schrecken nehmen. Vor allem aber gibt diese
Fähigkeit zur Neubeschreibung der Welt uns die Entscheidungsfreiheit,
zwischen verschiedenen Lebensentwürfen zu wählen. Ein wichtiger Punkt
dabei ist, dass der Schwerpunkt einer so verstandenen Philosophie nicht
mehr bei der Frage, wie wir leben sollen liegt, sondern
sich vielmehr darauf verlagert, wie ich leben will.
Ich möchte nun an dieser Stelle zunächst darauf verzichten, diese beiden gerade vorgetragenen und ihnen vielleicht etwas abstrakt anmutenden Thesen weiter zu begründen. Vielmehr möchte ich versuchen, das Gesagte an Hand einer Frage zu konkretisieren, die sicher fast allen Menschen die Kinder haben, irgend wann einmal begegnet ist. Dabei werde ich quasi im Vorübergehen noch einige Argumente nennen, die Ihnen meine beiden Thesen zwar nicht beweisen, aber hoffentlich als plausibel erscheinen lassen.
Nun zu meiner Beispielfrage: Vor
nicht allzu langer Zeit saß ich mit meiner jüngsten Tochter,
die gerade dabei war, sich auf ihr Abitur, vorzubereiten am Küchentisch,
als wieder einmal die Klage aus ihr herausbrach: „was soll ich denn
bloß mal werden?“
Sie werden schon ahnen, dass mir
auf diese Frage keine einfache Antwort einfiel, aber immerhin muss sie
mir heute Abend als Exempel dafür herhalten, um meine Vorstellung
zu illustrieren, dass philosophische Reflexion auch ohne Weisheiten
und Dogmen nützlich sein kann.
Dabei möchte ich zunächst möchte
damit beginnen, ein paar Antwortmöglichkeiten auf die Frage meiner
Tochter anzudeuten, die uns vermutlich alle nicht sonderlich befriedigen
werden.
So werden wir uns wohl kaum nach der Zeit zurücksehnen, als die Antwort ganz einfach ganz einfach darin bestanden hätte, dass sie selbstverständlich in die Fußstapfen ihrer Eltern zu treten hat.
Auch der Impuls, dass es unsere Tochter mal besser haben soll wie die Eltern kann uns schwerlich weiter helfen. Denn wir hatten es zweifellos nicht schlecht, und dazu hin fehlt uns offensichtlich ein eindeutiger Maßstab des gut und besser.
Nun die Frage, ob uns vielleicht
bestimmte Philosophen ein Rezept frei Haus liefern können. Also ob
uns zum Beispiel Aristoteles mit seiner Nikomachischen Ethik weiter
helfen kann, die ja immerhin der erste umfassende philosophische Versuch
in der Antike darstellt, zu klären, was unter einem guten Leben zu
verstehen ist. Aber vermutlich ist seine Antwort, dass das gute und
dem Menschen angemessene Leben ein Betrachtendes und der Vernunft entsprechendes
Leben sei, eher zu weit weg und zu abstrakt, als dass wir wirklich etwas
damit anfangen können.
Auch Martin Luther, der behauptete,
dass jede Arbeit für Gott gleichermaßen wohlgefällig wäre, wenn
sie nur im rechten Glauben absolviert werde, kann meiner Tochter vermutlich
nur wenig weiterhelfen.
Und schließlich hätte ich vermutlich
mit Recht einen Tobsuchtsanfall mit einer Antwort provoziert, die der
Ansicht mancher Naturwissenschaftler entspricht, in dem ich vorgeschlagen
hätte: „Vergiss es, was Du einmal wirst, ist durch Deine Gene und
die Umwelt eh determiniert.“
Aber immerhin Wissenschaften können
bei der Frage meiner Tochter zumindest insofern weiterhelfen, als eine
psychologische Testung gewisse Begabungsschwerpunkte feststellen und
ein Arbeitsmarktexperte vielleicht auf einen zu erwartenden Bedarf und
Zukunftschancen in bestimmten Berufssparten hinweisen kann. Aber auch
das wird vermutlich nicht ausreichen, um meiner Tochter eine befriedigende
Entscheidung zu ermöglichen. Vielmehr wird bei der Betrachtung der
denkbaren wissenschaftlichen Antworten deutlich, wie fragwürdig die
heute oft zu beobachtende Tendenz ist, menschliche vor allem als psychologische
Fragen und damit als Fragen einer empirischen Wissenschaft zu deuten.
Viel plausibler erscheint mir diesem Zusammenhang Wittgensteins Aussage
kurz vor Ende seines Tractatus, dass „wenn alle möglichen wissenschaftlichen
Fragen beantwortet sind, unsere Lebensfragen noch gar nicht berührt
sind.“
Was aber können wir gewinnen,
wenn wir uns nun daran machen, die Ausgangsfrage als philosophische
aufzufassen?
Nun zunächst kann dies bedeuten,
dass wir auf die Frage meiner Tochter auf ganz sokratische Weise mit
einer ganzen Reihe von Gegenfragen antworten. Fragt dieses, „was soll
ich einmal werden“ einfach nur nach einem bestimmten Studienfach oder
geht es ganz offensichtlich davon aus, dass damit ein ganzer Lebensweg
festgelegt wird? Wie offen soll die Verbindung von Studienfach und weiterem
beruflichen Weg sein? Inwiefern soll das Studium der Vorbereitung auf
einen Brotberuf dienen, oder soll es mir vielmehr dazu verhelfen
mich persönlich in eine von mir angestrebte Richtung weiter zu entwickeln?
Was erwarte ich vom Beruf? Geld? Sicherheit? Das Gefühl etwas Sinnvolles
zu leisten? Anerkennung? Spaß? Welchen Stellenwert soll dieser
so genannte „Beruf“ später einmal in meinem Leben haben? Inwieweit
tragen ganz andere Lebensbereiche dazu bei, als was für ein Mensch
ich mich später einmal betrachten werde?
All diesen Gegenfragen könnte
selbstverständlich noch eine ganze Reihe anderer hinzugefügt werden.
Aber ich hoffe, an den schon genannten wird deutlich, dass ihre Beantwortung
zunächst ganz persönliche Entscheidungen verlangt. Entscheidungen,
die keine Wissenschaft leisten kann und die nicht abhängig davon sind,
ob wir uns noch in der Lage sehen, an irgendwelche Dogmen zu glauben.
Ihre Beantwortung lässt sich auch nicht vor allem logisch erschließen.
Vielmehr könnte man den Eindruck haben, dass die Antworten in einem
logischen Kontext den Status von Prämissen haben, also von willkürlich
festgelegten Voraussetzungen, die nicht den End- sondern eher Ausgangspunkt
von logischen Überlegungen bilden. In der Tat, die Entscheidung, ob
ich im Beruf meine Berufung suche, oder aber ihn vor allem als Möglichkeit
zum unvermeidlichen Gelderwerb ansehe, kann so willkürlich sein wie
die individuelle Vorliebe für eine bestimmte Eissorte. Aber trotzdem
ist die Identifizierung von Prämissen ein wichtiger Schritt philosophischer
Reflexion. Sie versetzt mich in die Lage, diese näher zu betrachten
und dabei eventuell festzustellen, dass sie mir doch gar nicht so wichtig
sind, wie sie mir bisher erschienen waren.
Besonders aber im nächsten Schritt,
indem die verschiedenen Prämissen gegeneinander abzuwägen sind, wird
sich ergeben, dass sich manche doch, wenn auch nicht unbedingt im streng
logischen Sinne widersprechen, so doch zumindest aneinander reiben.
Der spontane Wunsch über viel Geld zu verfügen, kann sich als nur
schwer vereinbar mit dem Bedürfnis erweisen, einen Beruf anzustreben,
der reichlich Zeit für ein Privatleben lässt. Und wieder stehen Entscheidungen
an. Entscheidungen, die verbunden sind mit logischen Verknüpfungen,
die letztlich darauf zielen, aus gänzlich verschiedenen Impulsen einen
zusammenhängenden Handlungsstrang und eine logische Geschichte zu gewinnen.
Das was Philosophen logische Konsistenz nennen, wird sicher ein wichtiges
aber nicht das Endziel einer derartigen philosophischen Reflexion sein.
Auch muss kein platonisches oder
sonst ein abstraktes Ideal als Zielpunkt angenommen werden. Die in gewisser
Hinsicht willkürliche und nicht mehr logische begründbare individuelle
Festlegung auf meine eigenen Lebensprämissen, wird auch auf das Endergebnis
der Gesamtzielsetzung meines eigenen Lebens durchschlagen und es entsprechend
individualisieren.
Philosophische Reflexion, gerade wenn sie sich nicht mehr auf allgemeine Weisheiten und Dogmen beruft, ermöglicht sich von weltanschaulichen, ideologischen oder religiösen Vorgaben zu emanzipieren. Sie kann uns über das spontane „ich will dieses oder jenes“ hinausführen und unsere divergenten Impulse zu einer Lebensmelodie zusammenführen und ihnen damit eine Tragfähigkeit über einen längeren Zeitraum geben. So kann sich mittels Reflexion auch aus der „was soll ich den nur werden“ Frage meiner Tochter eine Haltung ergeben, die ihrem Leben eine Richtung gibt. Im gelingenden Fall wird dies zu einer Lebensgeschichte führen, von der sie vielleicht später einmal sagen kann: „so habe ich es gewollt!“
23.10.2008