Philosophische Praxis Axel Braig

Vortrag „Endlich leben – Sterben ohne Jenseits"

Zum Anfang meines Vortrages möchte ich Ihnen zunächst ein Geständnis
machen. Ein Geständnis in der Hoffnung, dass ich Sie, wie das bei
Geständnissen so üblich ist, mir gegenüber etwas milde stimme. Denn als ich in
der Ankündigung dieses Vortrages lesen musste, dass ich unter anderem ein
Philosoph sei, kam mir sofort der Gedanke an Hochstapelei.
Das hat einmal damit zu tun, dass ich es prinzipiell problematisch finde, sich
dem Rest der Menschheit als Philosoph, das heißt als ein Liebhaber der
Weisheit, und damit als einer, der sozusagen die Weisheit mit Löffeln gefressen
hat, zu präsentieren. Zum anderen erfülle ich nicht einmal die akademischen
Mindestvoraussetzungen für diesen Titel. Denn trotz meines zarten Alters von
56 Jahren bin ich ein sogenannter „ordentlicher Student der Philosophie“, der in
den nächsten Monaten bemüht sein wird, sein Studium zum Abschluss zu
bringen.
So muss ich also eine andere Legitimation vorweisen, warum ich der Einladung
heute hier zu sprechen trotzdem gerne gefolgt bin und möchte dies tun, in dem
ich Ihnen kurz die drei ganz unterschiedlichen Perspektiven schildere, aus denen
ich Sterben und Tod bisher am intensivsten erfahren habe:
1. Der Hinterbliebene: Im Dezember 1969 feierten wir in meiner Familie
mit Eltern, Großeltern und drei Geschwistern wie in allen
vorangegangenen Jahren unbeschwert gemeinsam Weihnachten. In den
sechs darauffolgenden Jahren, starben sechs meiner sieben engsten
Verwandten, die an diesem Fest traditionell teilgenommen hatten, so dass
1976 nur noch ein Bruder und ich zurückblieben. Diese merkwürdige
Häufung von Todesfällen in meiner Umgebung hat mich als jungen
Menschen damals zwar äußerlich nie aus der Bahn geworfen, oder gar
gebrochen. Aber sie hat meinem Leben eine eigene Färbung gegeben.
2. Der (mehr oder weniger professionelle) Betreuer: In meiner 15- jährigen
Tätigkeit als Hausarzt konnte ich immer wieder feststellen, dass mich
der Umgang mit Sterbenden nicht etwa über Gebühr belastete, sondern
ich hatte viel eher das Gefühl, dass mich dieser Umgang bereicherte und
ich daraus Kraft und Befriedigung schöpfte.
3. Der selbst vom Tod Bedrohte: Seit einigen Jahren lebe ich selbst mit der
Diagnose einer koronaren Herzkrankheit, und damit einerseits mit der
Hoffnung, dass ich dies dank moderner Medizin auch noch eine Weile
länger kann, aber auch mit dem bestimmten Gefühl, dass meine weitere
Lebenszeit womöglich sehr kurz bemessen sein kann.
Angesichts der soeben angedeuteten Erfahrungen musste ich, als zum Abschluss
meines Philosophiestudiums eine Magisterarbeit anstand, nicht lange nach
einem Thema suchen. Vielmehr hatte ich eher umgekehrt den Eindruck, dass das
Thema mich ausgesucht hat. So machte ich mich also, nachdem ich im Leben
aus drei ganz unterschiedlichen Blickwinkeln meine Erfahrungen mit Sterben
und Tod gemacht hatte, in meiner Arbeit daran, diesen Blickwinkel noch einmal
auszuweiten, in dem ich mich damit auseinander setzte, was verschiedene
Philosophen zu diesem Thema geschrieben haben.
Bei der Auswahl aus der unübersehbaren Vielfalt der Literatur kam mir ein
biographischer Umstand zu Hilfe, der auch den Tenor meines heutigen
Vortrages bestimmen wird. Da ich selbst über keine religiösen Bindungen
verfüge, lag es nahe, dass ich mich auf den Teil der philosophischen Tradition
beschränke, der sich mit Tod und Sterben ohne Hoffnung auf ein Jenseits
beschäftigt. Mir ist klar, dass dies eine willkürliche Auswahl mit sich bringt.
Moderne Wissenschaften können bisher die Richtigkeit der Vorstellung, dass es
für uns ein Leben nach dem Tode gibt, weder beweisen noch widerlegen. Wir
sind also in dieser Frage auf unsere persönliche Entscheidung zurückgeworfen.
Aber gerade deshalb finde ich es besonders erfreulich, dass Sie als Mitglieder
des Vereins der Tübinger Hospizdienste als Menschen, die alle Sterbenden,
unabhängig von Glauben oder Nichtglauben begleiten möchten, sich heute
dafür entschieden haben, zwei ganz unterschiedliche Sichtweisen zu Wort
kommen zu lassen. Das heißt für mich, ich bin Ihnen dankbar, dass ich meine
Sichtweise als Atheist dem gegenüberzustellen kann , was Ihnen Herr Prof.
Kuschel als bekennender Christ heute Nachmittag referieren wird.
Mit dem bisher Gesagten habe ich auch schon etwas umrissen, was ich Ihnen in
den nächsten vierzig Minuten anbieten möchte. Denn ich werde Ihnen einerseits
drei verschiedene Philosophieentwürfe kurz vorstellen und hoffe, damit deutlich
zu machen, wie verschieden der Blick auf Sterben und Tod sein kann.
Gleichzeitig möchte ich jeweils darüber sprechen, inwiefern diese
verschiedenen Entwürfe auch noch für den durchschnittlichen Menschen
unserer Zeit hilfreich sein können. Dabei war bei meiner Auswahl und der
Entscheidung, die Lehren von Epikur, Montaigne und Levinas zu referieren
gerade das Kriterium der sozusagen „therapeutischen“ Nützlichkeit leitend. Das
heißt ich stelle Ihnen Philosophen vor, von denen ich glaube, dass diese uns mit
ihrem Denken auch heute noch hilfreich sein können. (Übrigens: in einer der
Ankündigungen war die Rede davon, dass ich auch über Schopenhauer sprechen
werde. Wer nun enttäuscht ist, dass ich das nicht tue, dem kann ich als
Entschädigung gerne anbieten, dass ich Ihnen das entsprechende Kapitel meiner
Arbeit in schriftlicher Form zugängig mache.)
Zum Abschluss meines Vortrages will ich Ihnen dann sozusagen noch einen
kleinen Werbeblock zumuten, indem ich kurz allgemein darüber spreche,
inwiefern speziell philosophisches Denken und dies gerade in Abgrenzung zu
theologischer Seelsorge oder psychologischer Betreuung ergänzend sinnvoll
sein kann für Menschen, die mit den Problemen von Sterben und Tod
konfrontiert sind.
Nun also zuerst zu Epikur. Wenn der 399 vor Christus hingerichtete Sokrates als
der Urvater der klassischen griechischen Philosophie anzusehen ist, so wäre
Platon in etwa sein Sohn und Aristoteles sein Enkel. Der ab 306 in Athen
lehrende Epikur aber wäre gemeinsam mit den Stoikern, Skeptikern und
Kynikern der Urenkelgeneration zuzurechnen, die üblicherweise unter dem
Stichwort der hellenistischen Philosophen zusammengefasst wird. Das
hervorstechende gemeinsame Merkmal all dieser hellenistischen Philosophen
war, dass sie sich sehr stark auf das Ziel des menschlichen Glücks (der
eudaimonia) ausrichteten. Dementsprechend ist von Epikur der Satz überliefert:
“Leer ist die Rede jenes Philosophen, durch die kein einziges Leiden eines
Menschen geheilt wird. Denn wie die medizinische Kunst unnütz ist, wenn sie
nicht die Krankheiten des Körpers heilt, so ist auch die Philosophie unnütz,
wenn sie nicht das Leid der Seele beseitigt.“ Die Todesangst aber war für Epikur
einer der wichtigsten Ursachen menschlichen Leids und konsequenterweise
entwickelte er daher eine Lehre, um diese zu bekämpfen. Als Ausdruck einer
atomistischen Auffassung, die im Gegensatz zu Platon davon ausgeht, dass
unser Körper samt der Seele aus Atomen zusammengesetzt ist, die sich nach
dem Tod wieder voneinander trennen, und so die Seele mit dem Körper ein
Ende findet, entwickelte er seine zentrale These:
„Der Tod betrifft uns überhaupt nicht. Wenn wir sind, ist der Tod nicht da; wenn
der Tod da ist, sind wir nicht.“
Epikur war also der Ansicht, dass die Angst vor dem Tode irrational ist und
folgerte daraus, dass sie durch vernünftige Argumentation zu bewältigen sei.
Das begehrende, hoffende und leidende Subjekt, das wir zu unseren Lebzeiten
sind, löst sich mit dem Tod vollständig auf und verliert damit auch seine
Leidensfähigkeit. Insofern erscheint es für Epikur tatsächlich mit Recht
irrational, Angst vor dem Tode zu haben. Statt sich um die Zeit nach dem Tode
zu kümmern, die wir nicht erleben werden, empfiehlt Epikur sich auf sein
jetziges Leben zu konzentrieren, das übrigens auch die Mitmenschen mit
einschließt, denen sich Epikur durch die Freundschaft als einer der höchsten
Güter verbunden fühlt. „Carpe diem“, nütze den Tag, mit diesem Schlagwort
fasst der Epikureer Horaz ganz im Sinne Epikurs eine Lebenshaltung
zusammen, die sich nicht auf ein Leben im Jenseits vertrösten lassen will,
sondern der Ansicht zuneigt, dass die gegebene knappe Lebenszeit ihre
Köstlichkeit eben dadurch gewinnt, dass sie begrenzt ist. Unser Leben erfüllt
sich nicht in der Hoffung auf ein Jenseits, sondern dadurch, dass wir am Ende
sagen können, dass wir es wahrhaft gelebt haben. Das Gefühl ein gutes Leben
gelebt zu haben, ist für Epikur auch die wichtigste Voraussetzung, eine
Gelassenheit gegenüber dem Sterben zu entwickeln, wie er selbst schreibt:
„wenn uns die Not hinaustreibt, werden wir gewaltig auf das Leben spucken und
jene, die sich blind daran klammern. So werden wir aus dem Leben gehen und
mit einem schönen Preislied darauf jubeln: ‚Gut haben wir gelebt!’“ Für Epikur
selbst hat sich diese Hoffnung offensichtlich bestätigt, wenn er trotz starker
Schmerzen in seinem letzten Brief angesichts des Todes schreibt: „Den
glückseligen Tag feiernd und zugleich als letzten meines Lebens vollendend
schreibe ich euch dies: ihn begleiten Blasen- und Darmkoliken, die keine
Steigerung der ihnen innewohnenden Heftigkeit zulassen. Doch all dem
widersetzt sich die Freude meines Herzens über die Erinnerungen an die von uns
abgeschlossenen Erörterungen.“
Uns bleibt die Frage, inwiefern Epikurs Denken heute noch nützlich sein kann.
Dabei dürfte für den modernen Menschen kaum mehr von Bedeutung sein, dass
Epikur uns die Angst vor höllischen Qualen nehmen könnte. Weit wichtiger
erscheint mir zunächst seine klare begriffliche Unterscheidung von Sterben und
Tod. Diese Unterscheidung von Sterben und Tod kann in der Betreuung von
Sterbenden auf verschiedene Weise nützlich sein und zur Klärung von
ansonsten als diffus erscheinenden Todesängsten beitragen. Denn gerade in
dem wir deutlich machen, dass alle unsere Einflussmöglichkeiten mit dem Tod
enden, können wir um so glaubhafter machen, was wir in der letzten Phase des
Lebens für einen Sterbenden tun können, etwa in dem wir als Angehörige bei
ihm sind, oder ihm als Ärzte das Gefühl geben, dass wir dafür sorgen können,
dass er oder sie nicht zu sehr unter Schmerzen leiden müssen. Viele Sterbende
können eine derartige Hilfe dankbar annehmen, und dabei ein Gefühl der
Geborgenheit entwickeln, so dass die Frage eines Lebens nach dem Tod
sekundär wird.
Auch Epikurs Appell, seine Sorge nicht auf eine unerlebbare Zukunft zu
richten, sondern sich besser auf die Gegenwart des Lebens zu konzentrieren,
kann selbst Sterbenden noch nützlich sein. Zwar lässt sich auch die Möglichkeit
nicht leugnen, dass es manchem zunächst wie Iwan Iljitsch in Tolstojs
Erzählung gehen mag, dessen Schmerzen im Todeskampf sich durch die
Vorstellung, dass er das falsche Leben gelebt habe, vervielfachen. Aber
umgekehrt können Patienten es häufig als äußerst befriedigend erleben, wenn sie
es geschafft haben, das Leben als letzte Gelegenheit zu nutzen, um noch in den
letzten Lebenstagen ein Missverständnis zu klären, sich eventuell mit seit langer
Zeit zerstrittenen Angehörigen zu versöhnen, oder eine wichtige Angelegenheit
so regeln, dass sie ihr Leben neu als sinnvoll erleben können. So denke ich
gerne an eine junge Frau zurück, die schon mit 35 Jahren an einem Tumor
sterben musste, sich aber trotzdem in den letzten Tagen immer wieder befriedigt
darüber geäußert hatte, dass sie es wenigstens angesichts des baldigen Todes
geschafft habe, ihr Leben so zu leben, wie sie es eigentlich immer vorgehabt
habe.
Manches mag uns bei Epikur auch unbefriedigt zurücklassen. So ist die von den
meisten Menschen sicher schon erfahrene vegetative Todesangst sicher nicht
allein durch rationale Überlegungen zu bewältigen. Auch zur Trauer der
Hinterbliebenen weiß er vermutlich wenig Überzeugendens zu sagen. In dieser
Hinsicht kann uns sicherlich Emanuel Levinas, den ich zum Schluss behandeln
werde, viel eher weiterhelfen.
Aber zunächst möchte ich Ihnen in meinem hoffentlich nicht zu hektischen
Philosophenhopping Montaigne vorstellen. Auch der 1533 in der Gegend von
Bordeaux geborene Michel de Montaigne war zumindest in einer Hinsicht
Epikureer. Denn obwohl er zeitlebens katholischer Kirchenchrist blieb, ging er
in seinen Schriften konsequent von der Sterblichkeit der Seele aus. Diese
Annahme ist eine der wenigen Konstanten in Montaignes skeptischem und sich
ständig prozesshaft veränderndem Denken. Ansonsten distanzierte er sich von
der dogmatischen Seite der epikureischen Philosophie . Denn seit er 1576 den
Grundriß der pyrrhonischen Skepsis von Sextus Empiricus studiert hatte, und
sich eine Medaille mit der Devise der Pyrrhonisten επεχω (ich enthalte mich des
Urteils) prägen ließ, war für Montaigne, die undogmatische, skeptische
„Philosophenschule der Pyrrhonisten, die weiseste von allen“. So hatte
Montaigne kein Interesse daran, ein geschlossenes philosophisches System zu
errichten. Statt auf abstrakte Theorien zu verlassen, zog er es vor, vor allem
Erfahrungen zu vertrauen. So werden Geschichten unterschiedlichster Herkunft
sowie eigene Erfahrungen bei Montaigne, wie bei kaum einem anderen
Philosophen wichtige und offensichtliche Ausgangspunkte eigener Reflexionen.
In diesen Reflexionen von Erfahrungen innerer und äußerer Art fand Montaigne
sein Mittel, der Todesangst Herr zu werden. Seine immer wieder neuen
Versuche sich Problemen wie dem Sterben schreibend von verschiedenen Seiten
anzunähern, nannte er konsequenterweise Essais und begründete damit eine
neue literarische Gattung. In fortgesetzten Neubeschreibungen von Problemen
schreckte er selbst vor scheinbaren Widersprüchen nicht zurück und
rechtfertigte dies mit dem lapidaren Satz: „Ich füge hinzu, doch ich korrigiere
nicht.“
In seinem berühmtesten Essay mit dem von Cicero entliehenen Titel
„Philosophieren heißt sterben lernen“ breitet Montaigne in Zitaten zunächst
spätantike Weisheitslehren aus, in der Überzeugung „dass alle Weisheit und
alles Sinnen der Welt letztlich darauf hinauslaufen, uns die Überwindung der
Furcht vor dem Sterben zu lehren.“ Aber Montaigne hat dabei weniger eine
stoische Verachtung des Todes im Auge, die sich von einer Geringschätzung
der sterblichen Hülle des Leibes ableitet. Vielmehr spricht er sich dafür aus,
regelmäßig mit dem Tod umzugehen, um ihm damit, wie Montaigne sich
ausdrückt, seine Unheimlichkeit zu nehmen. Schon in diesem Essay vertraut
Montaigne zur Bewältigung des Todes nicht auf intellektuelle Spitzfindigkeiten,
sondern darauf, dass uns die Natur die Hand reicht und Mut macht auch die
letzte Prüfung des Sterbens zu bestehen.
Einer der erstaunlichsten Zeugnisse der durch eigene Erfahrungen inspirierten
Todesreflexionen Montaignes ist seine Schilderung eines schweren Reitunfalles,
der sich in dem Essay Über das Üben findet . Montaigne berichtet, dass er nach
einem Sturz vom Pferd für längere Zeit mehr oder weniger bewusstlos war und
nicht aktiv mit seiner Umgebung kommunizieren konnte. Bemerkenswert ist vor
allem, dass er diesen Zustand nicht als unangenehm empfand: „Mir schien mein
Leben nur noch am Rande der Lippen zu hängen, und ich schloß die Augen, als
wollte ich so mithelfen, es ganz zu vertreiben; ich genoß es, mich der Mattigkeit
hinzugeben und mich gehnzulassen. Es war ein Empfinden, das nur leicht über
die Oberfläche meiner Seele streifte, so schwach und so hauchzart wie alles
übrige – und dabei nicht nur jeden Unbehagens bar, sondern zudem von der
wohligen Süße durchdrungen, die man verspürt, wenn man in den Schlaf
hinübergleitet.“ Schon Montaigne nimmt also eine Nahtoderfahrung, die wir
ganz ähnlich aus moderner Literatur kennen, als Beleg dafür, dass das Sterben
nicht schrecklich sein muss.
Im Jahr 1885 erlebt Montaigne in seiner Heimat ein Massensterben durch eine
Pestepidemie. Er ist gezwungen sein Gut verlassen und befindet sich
monatelang auf der Flucht vor dem schwarzen Tod. In dieser Zeit beobachtet er
immer wieder, wie gelassen das einfache Volk das Sterben hinnimmt. Unter
diesen Eindrücken Montaigne zweifelt zunehmend an dem Wert der
Philosophie und stellt ihr die natürliche Einfachheit als ein Ideal entgegen. Der
Appell sich der Natur anzuvertrauen wird endgültig zum Gegenbild ausgefeilter
philosophischer Erörterungen. Montaigne wendet sich ausdrücklich gegen die
Idee, das Philosophieren, sterben lernen heiße, wie er sie im Titel seines
früheren Essais propagiert hatte. Stattdessen empfiehlt er ganz in epikureischer
Tradition sich dem Leben zuzuwenden, wenn er in seinem vorletzten Essay mit
dem Titel Über die Physiognomie schreibt:
„Haben wir nicht zu leben gewusst, ist es abwegig, uns sterben zu lehren und so
das Ende dem Ganzen zu entfremden. Haben wir jedoch ruhig und standhaft zu
leben gewusst, werden wir gleicherweise zu sterben wissen. Das ganze Leben
der Philosophie ist eine Vorbereitung auf den Tod. Damit mögen sie sich
brüsten, soviel sie wollen. Ich hingegen meine, dass der Tod zwar das Ende des
Lebens ist, nicht aber dessen Ziel; zwar sein Schlusspunkt, seine äußerste
Grenze, nicht aber sein Zweck. Es muß vielmehr auf sich selbst gerichtet sein,
sich selber wollen.“
„Die Bitterkeit der Todesvorstellung ist das Werk unserer Ungeduld. Indem wir
den Fügungen der Natur zuvorkommen und sie in die eigne Hand zu nehmen
suchen, legen wir uns selber Steine in den Weg. Sollen doch die Gelehrten mit
gefurchter Stirn ihren Gedanken an den Tod nachhängen und sich so bei voller
Gesundheit den Geschmack am Essen verderben!“
In seinen späten Essais erreicht Montaigne eine wunderbare Abgeklärtheit
gegenüber Leben und Tod. Montaigne ist mit sich im Reinen und es mutet wie
eine Beschreibung der höchsten epikureischen Glückszustandes, der Ataraxia
an, wenn er in seinem letzten Essay Über die Erfahrung seiner Seele
bescheinigt, „einen Punkt erreicht zu haben, von dem aus, wohin sie ihren Blick
auch richtet, der Himmel still ist um sie her: Kein Verlangen, keine Furcht und
kein Zweifel, die ihre Luft trübten! Keine vergangnen, gegenwärtigen oder
künftigen Beschwerden, die ihr beim Überdenken Kummer machten!"
Aus Montaignes vielfältigen Überlegungen, von denen ich allein schon wegen
der Kürze der Zeit sicherlich nur einen schwachen Eindruck vermitteln konnte,
lässt sich mit Sicherheit keine eindeutig formulierbare Lehre ableiten. Man kann
ihn einfach lesen und wird sich dabei an manchen Betrachtungen freuen oder
sogar Trost darin finden. Am auffälligsten aber ist vor allem die immer wieder
erstaunliche Vielfalt seiner Betrachtungsweise, die geeignet ist uns vor allzu
starren Vorstellungen und eingefahrenen Ängsten zu befreien.
Nun ein Sprung in die Moderne, zu einem Philosophen, dessen Werk in engem
und offensichtlichem Zusammenhang mit seiner Lebensgeschichte steht.
Emanuel Levinas wurde 1906 als Sohn jüdischer Eltern in Litauen geboren.
Nachdem er ab 1923 in Straßburg Philosophie studiert hatte, zog es ihn am Ende
seines Studiums 1928 zunächst in den Bannkreis von Husserl und Heidegger
nach Freiburg. Heidegger wurde für Levinas zunächst zum Idol, um so größer
war sein Entsetzen, als dieser 1933 mit den Nationalsozialisten gemeinsame
Sache machte. Als französischer Offizier überlebt Levinas von 1940-1945 in
deutscher Gefangenschaft. Während dieser Zeit wurde seine gesamte litauische
Herkunftsfamilie in Konzentrationslagern umgebracht. Levinas schwört, nie
mehr einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. Bis zu seinem Tod im Jahre
1995 lebt Levinas in Paris. Der Tod, den er vor allem als den Tod der Anderen
thematisiert, wird zu einem der zentralen Themen seiner Philosophie, mit dem er
sich selbst noch in seiner letzten Vorlesungsreihe an der Sorbonne beschäftigt.
Unter dem Titel Gott der Tod und die Zeit erschien diese Vorlesung auch im
Deutschen als Buch und dient mir als wichtigste Grundlage meiner
Levinasdarstellung.
Während in der ganzen Philosophiegeschichte der Tod bisher fast ausschließlich
als Reflexion des eigenen Todes in Erscheinung tritt, ist für Levinas schon aus
biographischen Gründen das Interesse am Todesthema, wie er schreibt, vor
allem „aus dem emotionalen und intellektuellen Widerhall entstanden, den das
Wissen um den Tod Anderer auslöst.“ Der Tod des Anderen ist für Levinas
„die emotionale Erschütterung und das affektive Betroffensein par excellence.
Er schreibt daher: „Das, was man mit einem leicht verfälschten Ausdruck Liebe
nennt, ist die Tatsache schlechthin, dass der Tod des Anderen mich mehr
erschüttert als der meine. Die Liebe zum Anderen ist die Empfindung des Todes
des Anderen. Nicht die Angst vor dem Tod, sondern mein Empfangen des
Anderen macht den Bezug zum Tod aus. Wir begegnen dem Tod im Angesicht
des Anderen.“
Vielleicht muss ich an dieser Stelle kurz erläutern, dass das Levinas unabhängig
vom Tod unser Verhältnis zum Anderen immer als von einer grundsätzlichen
„Dyssymmetrie“ bestimmt sieht. Das heißt, der Andere tritt mir in der
Sichtweise von Levinas nicht einfach als ein alter ego, sondern immer schon als
ein Unbegreiflicher und Fremder entgegen, als mögliches Objekt meiner Liebe
und meines Begehrens, aber auch als mögliche Bedrohung. Gleichzeitig wird
dieser unbekannte Andere für mich durch Begegnung aber auch zu einem Teil
meiner eigenen Identität. Durch die Begegnung mit mir begibt sich der Andere
in meine Verantwortung. Das bedeutet für Levinas zunächst ganz wörtlich, dass
ich gezwungen bin, auf den Anderen, obwohl er mir immer fremd und
unerklärlich bleibt, trotzdem in irgendeiner Weise eine Antwort zu finden.
Levinas Philosophie ist bekannt geworden durch die Parole, dass er der Ethik
einen Vorrang vor der Ontologie einräumt. Das bedeutet nichts Anderes, als das
wir im Leben immer gezwungen sind, uns zu Mitmenschen zu verhalten, ohne
dass wir uns eine Aussage erlauben können, wie diese im Grunde ihres Wesens
beschaffen sind. Dieses Grundgefühl der Begegnung mit etwas Fremden und
Unerklärlichen, und damit komme ich wieder auf das Thema des Todes zurück,
wird für Levinas im Tod des Mitmenschen noch gesteigert. Er schreibt:
„Jemand der stirbt: Angesicht, das zur Maske wird. Der Ausdruck verschwindet.
Die Todeserfahrung, die nicht die meine ist, ist Todes“erfahrung“ von
jemandem, einer Person, die sich sogleich jenseits der biologischen Vorgänge
befindet, die mir als jemand verbunden ist.“ Und weiter in einem anderen Zitat:
„Das Sterben als das Sterben der Anderen betrifft meine Identität als Ich, es hat
seinen Sinn im Zerbrechen desselben, dem Zerbrechen meines Ichs, dem
Zerbrechen des Selben in meinem Ich.“
Levinas ist in seiner Vorstellung, dass der Tod etwas für uns Unbegreifliches ist
so konsequent, dass er auch Sartres Reduktion des Todes auf das Dilemma von
„Sein und Nichts“ als einen umgekehrten Dogmatismus ablehnt. Die Beziehung
zum Tod ist also für Levinas keine Beziehung zu etwas oder nichts, der Tod
zeichnet sich gerade dadurch aus, dass er für uns ein Geheimnis bleibt, „Frage
ohne Gegebenes, reines Fragezeichen.“ Das Problem des Todes ist für Levinas
unbegreiflich, der Tod bleibt „unheilbarer Abstand…; er ist Ohne-Antwort.“ Er
findet „kein Modell in der Intelligibilität“.
Statt den Tod als einen Aspekt der eigenen Weltdeutung zu vereinnahmen,
will Levinas die Grenze des Verstehbaren respektieren, ohne den Einfluss
des Unverstehbaren auf unsere Existenz zu leugnen. Es gilt „diese
Mitbestimmtheit anzuerkennen, anzuerkennen, dass das Menschliche keine
universale Vernunft darstellt, die einfach inkarniert oder individuiert ist.“
 
„Der Bezug zum Tod in seiner Ex-ception,… ,die dem Tod seine Tiefe
verleiht, ist weder Sehen noch Gerichtetsein (weder das Sein sehen, wie
bei Platon, noch auf das Nichts gerichtet sein, wie bei Heidegger) Statt
dessen bleibt der Tod für Levinas „rein emotionaler Bezug, erschütternd
aufgrund einer Empfindung, die nicht aus einer Rückwirkung auf unsere
Sensibilität und unseren Intellekt, aus einem vorgängigen Wissen
erwächst. Es handelt sich um eine Emotion, eine Bewegung, eine Unruhe
im Unbekannten.“
Levinas Denken ist somit weder metaphysisch noch antimetaphysisch. Der
Grenze des Denkbaren, auf die wir durch den Tod stoßen, nähert er sich
mit Ehrfurcht und Demut, ohne den Anspruch, diese gedanklich
überschreiten zu können. Levinas steht in de jüdischen Tradition des
Bilderverbots, die er durch sein Denken neu erfüllt. Der Tod steht für ihn
paradigmatisch für das Unbekannte schlechthin, dessen Einfluss wir
anzuerkennen haben, ohne es erklären zu können. So richtet sich unser
Blick zwangsläufig zurück auf das Leben, dem wir seinen Sinn verleihen,
indem wir uns ihm in Liebe zuwenden. In diesem Sinn ein letztes Levinas-
Zitat:
„Den Sinn des Todes denken – ihn nicht verharmlosen, ihn nicht
rechtfertigen, nicht das ewige Leben versprechen, sondern versuchen den
Sinn aufzuzeigen, den er dem menschlichen Abenteuer verleiht…“
Schluss
Ich hoffe dass ich Ihnen bis hierher nicht zuviel zugemutet habe und sie die
Kraft haben, sich nun auch noch ein kurzes Resümee anzuhören. Ein Resümee,
das sicherlich nicht darin besteht, dass ich Ihnen eine philosophische Botschaft
zu verkündigen hätte. Ich hoffe vielmehr, dass ich Ihnen einen kleinen Eindruck
verschafft habe, wie vielfältig eine Philosophie des Sterbens ohne Hoffnung auf
ein Jenseits sein kann. Vor allem aber, dass Philosophie nicht ein lebensfernes
Glassperlenspiel sein muss, sondern auch eine Form haben kann und sollte, die
gerade den mit der Sorge des Sterbens belasteten Menschen den Eindruck
vermitteln kann, dass dabei ihre eigene Sache verhandelt wird.
Schon Epiktet hatte die Ansicht geäußert, dass es nicht die Dinge selbst sind, die
die Menschen beunruhigen, „sondern ihre Meinungen und Urteile über die
Dinge“. Die Reflexion dieser Meinungen und Urteile aber, und nicht etwas die
Verkündigung von ewigen Weisheiten sollte das Geschäft der Philosophie sein.
Eine so verstandene, undogmatische Philosophie könnte einen wichtigen
Stellenwert in der Betreuung von Sterbenden gewinnen. Neben christlicher
Seelsorge, die letztlich an einen Glauben gebunden ist, und einer psychologisch
und damit in der Empirie fundierten Psychotherapie, kann uns philosophisches
Denken bei der Beschäftigung mit den Fragen helfen, die uns angesichts des
Todes als der Grenze unserer empirischen Welt beschäftigen. Dabei sind die
verschiedenen Philosophieentwürfe, von denen ich Ihnen heute drei beispielhaft
vorgestellt habe, selbstverständlich nicht als ein fertiges Denksystem
aufzufassen, das einfach zu übernehmen wäre. Aber sie können uns bereichern,
indem wir sie im Rahmen der individuellen Lebenssituation und (Denk)-
Geschichte als Denkanstöße nutzen, an denen die eigene Reflexion anknüpfen
kann. So bleibt uns individuell die Aufgabe der gedanklichen Reflexion, die uns
gleichzeitig Schicksal und Chance ist.
Das heißt in Abwandlung von Watzlawick: man kann nicht nicht
philosophieren. Gerade um der in vielen Aspekten unfassbaren Tatsache des
Todes einen Bedeutungsrahmen zu geben, sind wir auf philosophische
Reflexion angewiesen. Trotzdem sollte Philosophieren keine lästige Pflicht
werden. Vielmehr hoffe ich, ihnen trotz des ernsten Themas ein wenig von
meiner eigenen Begeisterung und Freude an philosophischem Denken
vermittelt zu haben.

24.11.2007